Nimby. Nein, das Akronym hat nichts mit Harry Potters Zauberbesen zu tun. «Not in my backyard» – also «Nicht in meinem Hinterhof» – beschreibt ein bekanntes Phänomen bei Infrastrukturprojekten: Man befürwortet ein Vorhaben grundsätzlich, lehnt es aber ab, sobald es vor der eigenen Haustür konkret wird. Oft ist es dabei eine kleine, aber lautstarke Minderheit, die den Widerstand besonders sichtbar macht.
Neu ist dieses Muster hierzulande nicht. Der Historiker Jakob Tanner beschreibt die moderne Schweiz als ein Land, dessen Entwicklung eng mit grossen Infrastrukturprojekten verknüpft ist, und damit auch mit Konflikten um Fortschritt und Landschaft. So löste der Ausbau der Nationalstrassen ab den 1960er-Jahren jahrzehntelange Auseinandersetzungen aus. Heute hingegen sind sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Imposanter zeigt sich eine ähnliche Verschiebung der Wahrnehmung an der Grand Dixence im Wallis. Auch Europas höchste Staumauer blieb vor Beginn ihres Baus 1951 nicht ohne Widerstand. Einwände gegen das Grossprojekt führten letztlich zu Anpassungen der Planung und ökologischen Ausgleichsmassnahmen. Heute aber ist die 285 Meter hohe Installation ein zentraler Teil der regionalen Stromversorgung und gilt als ein Stück Schweizer Ingenieurskunst. Mehr noch: Von der lokalen Standortförderung wird sie gar mit «site emblématique du Valais» – oder «Wahrzeichen des Wallis» – als touristische Sehenswürdigkeit angepriesen.
Dass sich unsere Wahrnehmung von Infrastruktur mit der Zeit verschiebt, ist psychologisch kein Zufall. Menschen bewerten Vertrautes meist positiver und gewichten mögliche Verluste schwerer als gleichwertige Gewinne. Zunächst wird ein Bauwerk als Eingriff erlebt und erst später zunehmend mit seinem Nutzen verknüpft. Besonders deutlich zeigt sich dieses Spannungsfeld heute bei der Windenergie.
Studien belegen, dass Windenergie grundsätzlich breite Zustimmung findet. Wie unter anderem die umfassende Wissensgrundlage der Axpo Energy Reports zeigt, kann sie einen wichtigen Beitrag zum Schweizer Strommix der Zukunft leisten. Und dies vor allem in den Wintermonaten, wenn Windturbinen zwei Drittel ihrer Jahresproduktion verzeichnen – und andere Quellen wie etwa Photovoltaik-Anlagen deutlich weniger produzieren. Doch sobald aus dem abstrakten Nutzen ein konkretes Projekt vor Ort wird, regt sich häufig Widerstand.
Akzeptanzforscher Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen untersucht dieses Spannungsfeld seit Jahren. Seine Forschung zeigt, dass Akzeptanz von Energieprojekten von verschiedenen Faktoren und Akteuren geprägt wird. Entscheidend ist nicht nur, wie gut Menschen informiert sind, sondern auch, ob sie mitwirken können, Nutzen und Lasten als fair verteilt empfinden und ein Projekt lokal verankert ist. Es macht also einen Unterschied, ob sich die Menschen vor Ort mit einem Projekt identifizieren können oder ob sie es als etwas wahrnehmen, das ihnen von aussen übergestülpt wird. Akzeptanz entsteht damit nicht an einem einzigen Punkt, sondern im Zusammenspiel verschiedener Voraussetzungen.
Wie sich diese Erkenntnisse in die Praxis übersetzen lassen, zeigt Axpo. Das Unternehmen plant derzeit schweizweit elf Windparkprojekte mit insgesamt 45 Turbinen. Für Cédric Aubert, Leiter des Schweizer Windportfolios, steht transparente Information ganz am Anfang: Axpo prüft alle Vorhaben auf Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und regionale Einbettung. Diese Erkenntnisse macht sie für die Bevölkerung zugänglich – als Grundlage für eine informierte Auseinandersetzung mit dem Projekt.
Dies tut sie mit der Mutter aller Informationsplattformen: dem Axpo-Windmobil. Der umgebaute Showtruck lässt Menschen Windenergie in multimedialer Form erleben und bietet den Rahmen für einen offenen Dialog mit den Axpo-Fachpersonen hinter den Projekten. Aubert: «Das Windmobil ermöglicht uns, vor Ort Vertrauen aufzubauen und die lokale Wertschöpfung aufzuzeigen. Zudem können wir die Bedenken der Menschen aufnehmen und diese in der Projektgestaltung adressieren.» Drohnenvisualisierungen der Windturbinen in Echtgrösse verbinden zudem Transparenz mit Spektakel. «Die positiven Reaktionen auf die Visualisierungen zeigen uns, dass viele Menschen der Windenergie mit Interesse und Neugier begegnen», so der Ingenieur.
Cédric Aubert ist überzeugt: «Wenn in einer Gemeinde ein Windrad steht, werden die Anwohnenden einen gewissen Stolz entwickeln.» Entweder, weil sie langfristig von stabilen Strompreisen profitieren, oder weil auf ihrem Hausberg ein sichtbares Zeichen der Region steht, «am besten beides». Bekommt man also die Vorteile der Technologie für die eigene Realität glaubwürdig dargelegt, und fühlt man sich in der Planung miteinbezogen, so soll aus «Nimby» dereinst «Yimby» («Yes in my backyard») werden. Ganz ohne Zauber.
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