«Wichtig ist, dass man sich über das Hilfswerk, dem man etwas spenden will, informiert»: Jean-Pierre Tabin
«Wichtig ist, dass man sich über das Hilfswerk, dem man etwas spenden will, informiert»: Jean-Pierre Tabin
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«Acht von zehn Schweizer Haushalten spenden»

Jean-Pierre Tabin, Professor für Sozialpolitik, über Armut in der Schweiz und unser Spendenverhalten.

Vor Weihnachten erhalten wir jeweils eine grössere Anzahl Spendenaufrufe. Warum aber gibt es in einem reichen Land wie der Schweiz so viele Organisationen, die Spenden sammeln?
Die Schweiz ist zwar heute ein Sozialstaat, aber das war nicht immer so. Er entstand erst nach und nach. Es gibt dazu auch keine kantonalen oder eidgenössischen Regelungen. Ausserdem sind bei uns einige Risiken – im Gegensatz zu anderen Ländern – nicht abgedeckt, zum Beispiel der Lohnausfall im Krankheitsfall bei Selbständigerwerbenden.

Das heisst, unser Sozialsystem ist so kompliziert, dass Menschen, die eigentlich ein Recht auf Hilfe hätten, das gar nicht wissen?
Genau. Und aus diesem Grund haben Cédric Gaspoz, Professor an der Hochschule Arc, und ich zusammen mit einem Team von der Fachschule HES-SO beschlossen, eine Website zu entwickeln, die den Leuten erlaubt, herauszufinden, auf welche sozialen Leistungen sie in welchen Kantonen Anspruch haben. Die «Gebert Rüf Stiftung» hat das Projekt finanziert, die Website www.jestime.ch ist seit Ende August aufgeschaltet. Sie erlaubt allen Userinnen und Usern, anonym zu prüfen, welche sozialen Leistungen ihnen zustehen. Das ist auf den Webseiten der Kantone nicht möglich.

Gibt es viele Menschen, die nicht wissen, worauf sie eigentlich Anspruch hätten?
Wir haben Zahlen aus dem Kanton Bern, die belegen, dass rund 25 Prozent der Personen, die ein Recht auf soziale Leistungen hätten, diese nicht in Anspruch nehmen. Aber leider gibt es bei Bund und Kantonen keine systematische Erfassung der nicht bezogenen Leistungen.

Wird die Website auch genutzt?
Seit Ende August haben schon mehr als 4500 Personen ihre Rechte mit Hilfe dieser Webseite abgeklärt.

Warum gibt es eine solche Auskunftsstellen erst jetzt?
Wir haben finanzielle und logistische Unterstützung bei den Kantonen beantragt. Aber die Widerstände waren gross, bei einigen Verwaltungen sind wir sogar auf offene Opposition gegen ein solches Projekt gestossen. Deshalb mussten wir uns an eine private Stiftung wenden, die bereit war, das Projekt zu finanzieren.

Organisationen und Stiftungen, die Spenden sammeln, müssen also die Löcher in unserem sozialen Netz stopfen?
Es gibt eine ganze Anzahl von Vereinen und Verbänden, die in diesen Bereichen aktiv sind und etwa die Erforschung einer seltenen Krankheit fördern. Oder jenen Hilfe bieten, die durch den Sozialstaat schlecht geschützt sind.

Zum Beispiel?
Beim Ausbruch der Corona-Pandemie bildeten sich etwa in Genf lange Schlangen von Menschen, die für Essen anstehen mussten.

Was waren das für Menschen?
Solche, die keine soziale Absicherung haben. Zum Beispiel Selbstständige, die über keine Arbeitslosenversicherung verfügen, weil davon ausgegangen wird, dass sie ein finanzielles Risiko eingegangen sind, das sie selbst tragen müssen. Das ist natürlich eine sehr liberale Auffassung von Selbstständigkeit.

Und wie sieht es bei den «Sans papiers» aus?
Auch diese gehören zu den Betroffenen. Es gibt in der Schweiz sehr viele Menschen ohne Papiere, die etwa im Baugewerbe oder in der Gastronomie arbeiten oder als Haushaltshilfen angestellt sind; in Genf zum Beispiel im Dienst von Haushalten ausländischer Diplomaten. Sie alle haben in der Corona-Krise von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren. Unter ihnen sind auch viele Frauen, die seit Jahren ohne Aufenthaltsbewilligung als Hausangestellte oder Pflegepersonen arbeiten und keine Sozialleistungen erhalten.

Wer hat ihnen geholfen?
In Genf wurde ein kantonaler Fonds gegründet, der allen Menschen hilft, die ihren Job verloren haben – unabhängig von ihrem rechtlichen Status. Eine weitere Kategorie sind Menschen, die eine Arbeitsbewilligung haben, aber riskieren, diese zu verlieren, wenn sie Sozialhilfe verlangen. Das Parlament hat das Einbürgerungsgesetz in diesem Sinn verschärft, indem es die Einbürgerung von Menschen, die Sozialhilfe beziehen, untersagt.

Wo bekommen diese Menschen Hilfe?
Es gibt verschiedene Vereine und Stiftungen, die kleinere Beträge spenden, etwa für die Bezahlung von Miete und Krankenkasse. Die Glückskette hat während der Corona-Pandemie ebenfalls Spenden erhalten, die an solche Vereine weitergegeben wurden, zum Beispiel an das «Collectif de soutien aux sans papiers» in Renens, das pro Person maximal 500 Franken verteilt hat. Doch eigentlich ist es unwürdig für die Schweiz, dass es diese verhängnisvolle Verbindung von Aufenthaltsbewilligung und Sozialhilfe gibt, die eine neue Kategorien von Bedürftigen geschaffen hat.

«Acht von zehn Haushalten geben einen Teil ihres Budgets für Spenden aus»


Wie hoch schätzen Sie die Anzahl dieser neuen Hilfsbedürftigen?
Da diese Menschen vom Staat schlecht geschützt sind, sind sie normalerweise kaum sichtbar. Erst durch Corona wurden sie überhaupt zu Kenntnis genommen. Und wie gesagt, es gibt keine Statistik über jene, die keine sozialen Leistungen in Anspruch nehmen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Aber Untersuchungen zeigen, dass dieses Problem weit verbreitet ist. Viele Menschen bleiben ohne Hilfe, entweder weil sie schlecht informiert sind, weil sie Angst haben, ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren, oder auch weil ihnen Leistungen zu Unrecht verweigert werden. Wir haben zudem auch festgestellt, dass einzelne Krankenkassen gewisse Personen nicht versichern, obwohl das illegal ist.

Wenn ich die Ärmsten der Armen unterstützen möchte, wo spende ich am besten? Beziehungsweise wo verschwindet meine Spende nicht in einem Verwaltungsapparat?
Das ist nicht wirklich ein Problem, denn die meisten Hilfsorganisationen haben nur geringe Personal- und Verwaltungskosten; etwa Organisationen, die Papierlose, Obdachlose oder Sexarbeiterinnen unterstützen. Gerade die Sexarbeiterinnen sind von der Corona-Krise besonders betroffen, da sie während des Lockdowns nicht arbeiten durften und damit ohne Einkommen und Wohnung waren.

Hier springen die Stiftungen ein, die den Vorteil haben, dass sie schneller entscheiden können als der Staat.
Das ist richtig. Beim Staat werden die Entscheide demokratisch gefällt, und sie können angefochten werden, während eine Stiftung unabhängig agieren kann. Nehmen wir zum Beispiel die Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates und seiner Frau Melinda, die eine Gesundheitspolitik mit gigantischen Geldmitteln ohne demokratische Kontrolle fördert und die WHO mit zehn Prozent ihres Budgets mitfinanziert. Da stellt sich schon die Frage nach der Kontrolle. Aber gleichzeitig muss man festhalten, dass der Sozialstaat nicht alle Situationen abdeckt. Der französische Philosoph Michel Foucault hat einmal gesagt: «Das System ist begrenzt, die Bedürfnisse sind unbegrenzt.»

Bis zum Sozialstaat ist es ein langer Entwicklungsprozess.
Das war auch in der Schweiz so. Es brauchte unzählige Vorstösse von Organisationen, die sich um ältere Menschen kümmern, bis nach dem Zweiten Weltkrieg endlich die AHV geschaffen wurde – die erst noch mit einem Referendum bekämpft wurde. Und trotz einer starken Mobilisierung der Behindertenverbände mussten wir bis 1960 auf eine Invalidenversicherung warten. Unser Sozialstaat ist in vielen Bereichen auf diese Weise entstanden: Das Problem wird erkannt, dann folgt eine intensive politische Diskussion, die oft erst nach jahrelangem Kämpfen zum Ziel führt. Auch der Mutterschaftsurlaub kam erst 2005, nach sechzig Jahren Lobbying!

Die Schweizerinnen und Schweizer sind bekanntlich gute Spender. Was ist eigentlich der Grund dafür?
Die europäischen Länder, die am meisten Spender aufweisen, sind Holland, die Schweiz, Polen und Schweden. Aber in den USA wird noch viel mehr gespendet. Und in Frankreich wurde die Möglichkeit zur Gründung von wohltätigen Vereinen im 19. Jahrhundert stark eingeschränkt, da der Staat alle sozialen Fragen zu seiner Sache gemacht hat. In der Schweiz gibt es eine lange Tradition von Vereinen, Verbänden und Stiftungen mit sozialen Aktivitäten, die zum Teil in den Sozialstaat eingebaut worden sind – aus der Überlegung heraus, dass man das, was es schon gibt, weiterführen sollte. Organisationen wie die Caritas oder die welschen Centres Sociaux Protestants (CSP), die Sozialhilfeorganisationen der reformierten Kirche, sind zwar privat, aber sie werden teilweise vom Staat unterstützt, teilweise durch Spenden finanziert.

Wer spendet in der Schweiz am meisten? Sind das eher die reichen Leute – oder Menschen aus der Mittelklasse?
Acht von zehn Haushalten geben einen Teil des Budgets für Spenden aus. Das sind manchmal aber auch kleinere Beträge von zehn, zwanzig Franken.

Habe ich als Spender eigentlich das Recht, zu erfahren, wofür meine Spende eingesetzt wird? Habe ich sogar Anrecht auf ein Dankeschön?
Wenn jemand Geld spendet, das direkt an hilfsbedürftige Menschen gehen soll, kann er nicht erwarten, dass eine ganze Verwaltung aufgebaut wird, nur um jedem einzelnen zu danken. Aber wenn die Beträge hoch sind, werden die Spenderinnen und Spender in der Regel begrüsst und die Spenden verdankt.

Was bekomme ich eigentlich zurück, wenn ich spende?
Die Anthropologen haben seit dem französischen Soziologen Marcel Mauss viel über die Gabe und die Wichtigkeit der Rückgabe diskutiert. Wenn ich Ihnen ein Geschenk mache, dann verpflichte ich Sie eigentlich, mir etwas zurückzugeben. Im Gegensatz zum direkten Warenaustausch wird dieser Tausch aber zeitlich verschoben. Wenn ich Sie also zum Beispiel jetzt zum Essen einlade, werden Sie sich vielleicht erst viel später revanchieren.

Gibt es diese Erwartung einer Art Gegengabe auch beim Spenden?
Es gibt immer eine Erwartung. Gewisse Menschen denken, wenn es mir einmal schlecht geht, werde ich mir erlauben können, Hilfe zu suchen, weil ich schon etwas gegeben habe. Für andere ist es hingegen eine schöne Gelegenheit, um ein gutes Gewissen zu haben. Oder sich zu überzeugen, dass sie gute Menschen sind. Oft geht es aber auch einfach darum, im Einklang mit seiner Überzeugung zu handeln.

Man kauft sich also einen Platz im Paradies?
Die Motive zu spenden sind vielfältig. Sie können religiöser Art sein, altruistisch oder militant. Man kann zum Beispiel etwas für SOS Méditerranée spenden, weil man die Aktion dieser NGO für wichtig hält.

Ist das Label Zewo eine Garantie dafür, dass ich mein Geld einer seriösen Organisation gebe?
Das Zewo-Gütesiegel garantiert, dass die Spendengelder gewissenhaft eingesetzt werden. Alle Hilfsorganisationen veröffentlichen ihre Geschäftsberichte und machen Angaben zu ihren Tätigkeiten.

Wie verhält es sich bei Spenden zum Beispiel für syrische oder afghanische Flüchtlinge?
Bei jedem Ereignis hängt das Volumen der Spenden stark davon ab, wie es politisch und medial sichtbar gemacht wird. Nehmen wir zum Beispiel Afghanistan. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen haben die Medien fast nur jene Menschen gezeigt, die das Land verlassen mussten. Man sah praktisch nur Männer, fast keine Frauen. Ein Hilfswerk, das Geld sammeln möchte, um den Frauen zu helfen, wird unter diesem Defizit an Bildern leiden.

Gibt es eine Garantie dafür, dass das Geld korrekt verteilt wird, wenn ich es zum Beispiel der Glückskette spende?
Ich kenne die Glückskette gut. Sie informiert auf ihrer Website, wohin das Geld geht. Aber man darf nicht glauben, dass immer alles perfekt ist. Manchmal gibt es Probleme, das ist ganz normal. Vor allem in dringenden Notfällen, wenn sehr schnell gehandelt muss, kann es zu Fehlern kommen. Darum müssen alle Projekte nachträglich evaluiert werden, um Risiken in Zukunft zu reduzieren.

Wie ist es mit Spenden in korrupte Länder oder Diktaturen? Geht das Geld da nicht direkt in die Taschen der führenden Elite?
Man darf sich keine Illusionen machen. Wenn Sie Ihre Steuern bezahlen, wird das Geld auch für eine Reihe von Zwecken eingesetzt, mit denen Sie vielleicht nicht einverstanden sind. Wichtig ist in erster Linie, dass Sie sich über das Hilfswerk, dem Sie etwas geben wollen, vorgängig gut informieren.

Warum ist es in einem reichen Land wie der Schweiz, mit seiner mächtigen Pharmaindustrie, noch nötig, Spenden für etwa die Krebsforschung zu sammeln?
Ich bin kein Spezialist in dieser Sache, aber für die Forschung müssen Sie Mittel finden. Die Pharmaindustrie hat jedoch wirtschaftliche Prioritäten. Sie wird nicht Forschungen betreiben, die ihr keine Märkte öffnen. Und die öffentliche Finanzierung der Forschung hat ihre Grenzen. Das bedeutet, es müssen Prioritäten gesetzt werden. Denn für seltene Krankheiten, oder zum Beispiel neue Krebstherapien, wird man nicht so schnell Geld bekommen.

An welche Organisationen soll man spenden, wenn man etwas fürs Klima tun will?
Es gibt eine fast endlose Liste von Stiftungen und Vereinen in der Schweiz, die für diverse Aufgaben sammeln. Darunter auch viele, die sich für den Kampf gegen die Klimaerwärmung einsetzen.

Sie lehren an einer Schule für Sozialarbeit. Kennen Ihre Studenten und Studentinnen das Thema Armut?
Ja, gerade die Corona-Pandemie hat viele Studierende stark getroffen, weil viele von ihnen das Studium mit Nebenjobs, etwa im Gastgewerbe, finanzieren. Während des Lockdowns haben sie ihren Job verloren, einige von ihnen befanden sich in einer sehr problematischen Situation. Die HES-SO etwa, die Fachhochschulen der Westschweiz, haben mit zusätzlichen Beträgen kurzfristige Unterstützung geleistet. Jetzt haben einige von ihnen wieder einen Job gefunden, im Hauslieferdienst oder bei Uber – aber die Konkurrenz ist gross. Das schafft neue Probleme.

Wollen Ihre Studierenden nach dem Studium lieber in öffentlichen Institutionen arbeiten oder ziehen sie private Organisationen vor?
Die meisten Vereine oder Verbände, die ausgebildete Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter anstellen, sind grösstenteils vom Staat finanziert. Der Unterschied spielt also keine grosse Rolle. Die Studierenden wählen jene Organisation, die ihren Interessen und Kompetenzen entspricht.

Jean-Pierre Tabin ist Professor für Sozialpolitik an der HETSL, der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit in Lausanne. Er hat mehrere Arbeiten veröffentlicht, bei denen es um den Kampf gegen die Armut geht.

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