Auf dem Weg zur Besserung: Dank der Hilfe seiner Frau Theres kann Bruno Wermelinger zu Hause gepflegt werden.
Auf dem Weg zur Besserung: Dank der Hilfe seiner Frau Theres kann Bruno Wermelinger zu Hause gepflegt werden. (Studio Filipa Peixeiro)

Die Liebsten daheim pflegen – und dafür einen Lohn bekommen

Vor drei Jahren wurde Bruno Wermelinger nach einer Hirnblutung zum Pflegefall. Dass er heute wieder weitgehend selbstständig ist, verdankt er seiner Frau Theres, umfangreichen Therapien und der Angehörigen-Spitex.

Manuela Talenta (Text) und Filipa Peixeiro (Fotos)

Im September 2020, mitten in der Corona-Pandemie, änderte sich das bislang eher beschauliche Leben des Ehepaars Wermelinger urplötzlich: Bruno erlitt mitten in der Nacht eine Hirnblutung. Seine Frau fand ihn und alarmierte sofort den Notruf. Bruno überlebte.

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Aber seine linke Seite war komplett gelähmt, er konnte nicht mehr sprechen und hatte sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Drei Monate verbrachte er in einer Rehaklinik in Zurzach – und wurde an Weihnachten auch noch mit dem Coronavirus infiziert. «Ich sah ihn sieben Wochen lang nicht mehr», sagt seine Frau Theres.

Ein Pflegebett und ein neues Bad

Bruno Wermelinger erholte sich soweit, dass er Anfang 2021 wieder nach Hause durfte. Aber er war auf Pflege angewiesen und sass eine Zeit lang auch im Rollstuhl. «Ich konnte nicht gehen, nicht selber aufstehen, nicht selber duschen», sagt der heute 79-Jährige. Täglich kommt eine Pflegefachkraft des Gesundheitsdienstleistungs-Unternehmens reha at home zu Wermelingers nach Hause und übernimmt die Grundpflege.

«Ich lernte von den Pflegefachleuten, wie ich Bruno aus dem Bett heben und in den Rollstuhl setzen kann.»

Auch die Physio-, Logo- und Ergotherapie, mit welcher der ehemalige Stadtrat von Bülach noch in der Reha begonnen hatte, wird daheim fortgesetzt. Damit das möglich wurde, mussten Wermelingers zuerst einmal Platz für ein Pflegebett schaffen und zweitens einige bauliche Veränderungen in der Wohnung vornehmen, vor allem im Badezimmer. Theres zählt auf: «Heute haben wir eine begehbare Dusche mit Sitzgelegenheit, Haltegriffe neben der Toilette und ein höheres Lavabo ohne Unterbau, damit Bruno sich hinsetzen kann.»

Steht den Angehörigen zur Seite: Julia Walthard, Pflegedienstleiterin der Angehörigen-Spitex.
Steht den Angehörigen zur Seite: Julia Walthard, Pflegedienstleiterin der Angehörigen-Spitex.

Der ehemalige Maschinenbau-Ingenieur erholte sich weiter. Er lernte wieder zu sprechen, die linksseitige Lähmung ging Stück für Stück zurück, die Motorik seiner Hand verbesserte sich. Aber der Weg war lang – auch für Theres, die sich um alles kümmerte, was früher ihr Mann getan hatte. Sie regelte die Finanzen und Büroarbeiten, erledigte kleinere handwerkliche Arbeiten in der Wohnung, organisierte die vielen Termine von Bruno und half ihm bei der Körperpflege, wenn keine Pflegefachkraft im Haus war.

Oft sind es alltäglich Dinge, die ohne Hilfe nicht mehr bewältigt werden können.
Oft sind es alltäglich Dinge, die ohne Hilfe nicht mehr bewältigt werden können.

Dafür hat sich die heute 74-Jährige einige Kompetenzen aneignen müssen. «Ich lernte von den Pflegefachleuten in der Rehaklinik und von reha at home, wie ich Bruno zum Beispiel aus dem Bett heben und in den Rollstuhl setzen kann. Das war sehr wichtig, denn ich musste in der Lage sein, ihn zu unterstützen.»

Innerhalb eines Jahres einen Pflegekurs absolvieren

All diese Pflegedienste leistete Theres zunächst gratis. Später wurde sie von der AngehörigenSpitex, einer Kooperation mit reha at home, als pflegende Angehörige angestellt und erhält einen Lohn. «Das Geld war für mich jedoch zweitrangig», sagt sie. «Mir war vor allem wichtig, dass ich jederzeit Ansprechpartner habe.» Julia Walthard, Pflegedienstleiterin der Angehörigen-Spitex, erklärt das Konzept.

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«Angestellte pflegende Angehörige müssen innerhalb eines Jahres einen Pflegehelferkurs absolvieren. Sie verpflichten sich zudem, bestimmte Pflegedienste für den Angehörigen zu erbringen und den Pflegeverlauf zu dokumentieren.» Diese regelmässigen Berichte werden geprüft, ebenso die erbrachten Leistungen und deren Qualität. Die Angehörigen-Spitex ihrerseits verpflichtet sich, die pflegenden Angehörigen zu entlöhnen, zu coachen, anzuleiten und bei Bedarf zur Seite zu stehen.

Sprachfähigkeit ist vollständig zurückgekehrt

Bruno Wermelinger hat sich von seiner Hirnblutung soweit erholt, dass er seinen Alltag fast wieder selbständig bewältigen kann. Er kann ohne Hilfe gehen, seine Sprachfähigkeit ist vollständig zurückgekehrt, sein Kurzzeitgedächtnis macht gute Fortschritte. Aber bei einigen Dingen benötigt er noch Unterstützung, wie er sagt. «Theres hilft mir noch bei der Körperpflege, zum Beispiel beim Abtrocknen nach dem Duschen. Ausserdem bin ich nicht in der Lage, meine Socken selbst anzuziehen, weil ich mich dafür zu sehr vornüberbeugen müsste und stürzen würde.»

«Ziel ist es, mit späteren Eintritten ins Spital die Gesundheitskosten zu senken»

Der Geschäftsführer der Angehörigen-Spitex über ihre Funktionsweise und Vorteile.

Wie funktioniert die Angehörigen-Spitex?
Unternehmen, die eine Betriebsbewilligung als Spitex haben, stellen Menschen an, die ihre Angehörigen gegen Lohn pflegen. Ich arbeite als Geschäftsführer der Angehörigen-Spitex mit drei Unternehmen zusammen: Spitex 24, private Care und reha at home in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und -Land, Bern, Luzern, Solothurn und Zürich. Die pflegenden Angehörigen werden von Pflegefachkräften bei ihrer Arbeit betreut und müssen innerhalb eines Jahres einen Kurs in Pflegehilfe oder eine gleichwertige Ausbildung absolviert haben.

Welches sind die Vorteile der Angehörigen-Spitex?
Mitmenschen, die ihre Ange-hörigen selber pflegen, erhalten für ihre Arbeit einen Lohn – zurzeit sind das 36 Franken pro Stunde – und vor allem auch Wertschätzung für eine nicht selbstverständliche Leistung. Ausserdem werden sie von ausgebildeten Pflegefachkräften begleitet und überwacht. Das erhöht die Pflegequalität. Das Ziel des Konzepts der pflegenden Angehörigen ist es letztlich, mit weniger oder späteren Eintritten ins Spital oder Pflegeheim sowie mit weniger Arztbesuchen die Gesundheitskosten zu senken. Und nicht zuletzt werden dringend benötigte Pflegekräfte ausgebildet – eine Antwort auf den herrschenden Pflegenotstand.

Findet die Angehörigen-Spitex häufig Anwendung oder eher nicht?
In der Schweiz pflegen etwa 300 000 Menschen ihre Angehörigen, doch nur ein Bruchteil von ihnen erhält auch Lohn dafür. Die meisten pflegenden Angehörigen decken also einen Bedarf ab, der eigentlich von einer Spitex abgedeckt werden müsste.

Weshalb ist das so?
Ausgangspunkt ist ein Bundesgerichtsentscheid von 2019: Er besagt, dass Angehörige zwar nicht für Behandlungspflege, jedoch für Grundpflege von den Krankenversicherungen abgegolten werden können. Viele wissen das gar nicht. Aber man muss auch zwischen Grundpflege und Betreuung unterscheiden. Der Umfang der Grundpflege ist klar in der Krankenpflege-Leistungsverordnung definiert, und nur diese darf den Krankenversicherungen in Rechnung gestellt werden. Betreuung ist keine Leistung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung und daher nicht entschädigungsberechtigt. Ein weiterer Grund liegt darin, dass man sich als pflegender Angehöriger, pflegende Angehörige nicht in den Mittelpunkt stellen möchte, weil es seit Generationen so ist, dass man innerhalb der Familie selbstverständlich unentgeltlich pflegt.   Manuela Talenta

Michael Zellweger von reha at home.
Michael Zellweger von reha at home.

Wichtig ist auch Theres’ Begleitung, wenn Bruno ausserhalb des Hauses Besorgungen macht. Denn dies dient seiner Sicherheit. Seine Ehefrau ergänzt: «Bruno ist Diabetiker und braucht regelmässig Insulin. Vor der Hirnblutung setzte er sich die Spritze selber. Heute unterstütze ich ihn dabei, weil die Motorik seiner linken Hand noch nicht perfekt funktioniert. Das Tastaturschreiben ist für ihn ebenfalls schwierig. Aber er schafft es!»

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